Studieren in der DDR

Studieren in der DDR Mit den Leipziger Montagsdemonstrationen begann im September 1989 die heute oft als „Wende“ betitelte Umbruchphase. Die Menschen in anderen ostdeutsche Großstädte wie Dresden, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) oder Ost-Berlin folgten, so dass Anfang Oktober bei den friedlichen Demonstrationen bereits mehrere zehntausend Menschen auf die Straße gingen, darunter auch viele Studenten und Dozenten. „Es war notwendig, dass sich etwas verändert, sowohl politisch, als auch wirtschaftlich. Ich erinnere mich noch an die große Ungewissheit an diesem Tag - geht er friedlich aus, können wir etwas bewirken?“, berichtet Frank Eichelmann, der damals Ingenieurwesen studierte. Ja, sie konnten, denn einen Monat später fiel am 09.11.1989 die Mauer und der Grundstein für die deutsche Wiedervereinigung war gelegt.

Dies brachte auch viele Veränderungen für das ostdeutsche Hochschulleben. Mit der Eingliederung in das Bildungssystem der BRD wurden nicht nur zahlreiche personelle Veränderungen an den ehemaligen DDR-Hochschulen vorgenommen, sondern deren gesamte Struktur erneuert. Doch warum war dies überhaupt notwendig? Wir haben ausführlich recherchiert und möchten dir heute einmal einen kleinen Einblick geben, wie ein Studium in der DDR aussah und was sich im Vergleich zu heute alles geändert hat.

Wie sah die deutsche Hochschullandschaft in der DDR aus?
Die DDR unterhielt insgesamt rund 50 Hochschulen, wovon die Universitäten in Berlin, Greifswald, Rostock, Halle, Jena, Dresden und Leipzig die größten Bildungseinrichtungen waren.

Die Verantwortung für die Hochschulplanung und die Leitung der Hochschulen oblag dem Staatssekretariat. Es galt das Prinzip des "demokratischen Zentralismus" und die Forschungsplanung war dem Fünfjahresplan der Wirtschaft angepasst. Insgesamt gab es 5 Reformen, die zu zahlreichen Veränderungen in der Hochschullandschaft der DDR führten. So wurden z.B. mit der 3. Hochschulreform sogenannte Ingenieurhochschulen geschaffen, Fakultäten abgeschafft und die Studiendauer auf vier Jahre begrenzt.

Studieren in der DDR
Zunächst einmal galt generell, dass alle Studierenden und Lehrenden in der DDR handverlesen wurden. Dabei wurden bis weit in die 70er Jahre vor allem Kinder von Arbeitern und Bauern bevorzugt, Akademikerkinder blieben oft außen vor. In der Regel erhielten nur diejenigen Zugang zu den Hochschulen, die ihre sozialistische Grundeinstellung und Parteikonformität nachweisen (oder glaubhaft vortäuschen) konnten. Neben dem an der EOS abgelegten oder durch Berufsausbildung erworbenen Abitur war auch die „Mitwirkung an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und die Bereitschaft zur aktiven Verteidigung des Sozialismus" Zulassungsvoraussetzung.

In der SED musste man zwar nicht Mitglied sein, um studieren zu können, jedoch waren fast alle Studenten zumindest FDJ Mitglieder. Wer beispielsweise die Jugendweihe aus Glaubensgründen verweigerte oder wegen politischer Aktivitäten gegen das Regime auffiel, erhielt bis in die 80-er Jahre hinein keine Immatrikulationsbescheinigung. Im Gegensatz dazu konnten sich jedoch Abiturienten mit schlechteren Schulnoten für ein Studium qualifizieren, indem sie sich freiwillig zur Nationalen Volksarmee (NVA) meldeten. Da es im Vergleich zu heute auch keinerlei Möglichkeit gab, einen Studienplatz einzuklagen, fungierte Bildung als effektives Disziplinierungsinstrument.

Die Studierendenzahlen orientierten sich an der Planwirtschaft der DDR und den Erfordernissen der Wirtschaft und Wissenschaft. So verwundert es auch nicht, dass es 1989 in der DDR gerade einmal halb so viele Studenten gab als in der BRD. Für die Reglementierung wurde ähnlich wie heute ein Numerus clausus eingesetzt. Abgelehnte, jedoch parteiloyale Bewerber versuchte man über sogenannte Umlenkungsmaßnahmen in Studiengänge zu lenken, in denen Mangellage herrschte. Bemerkenswert ist, dass in der DDR bereits die Aufnahme eines Studiums eine Arbeitsplatzgarantie nach erfolgreichem Abschluss mit sich brachte.



Um auch langfristig parteiloyale Akademiker zu generieren, waren ausnahmslos alle Studenten verpflichtet, den Unterricht in Marxismus-Leninismus (ML) zu besuchen. Diese fanden selbst im September 1989 noch statt. "Opposition war nicht erwünscht und wurde mehr oder weniger stark verfolgt", berichtet Cornelius Weiss, der Mitte der 50-er Chemie in Leipzig studierte und später hier auch lehrte.

Generell war das Hochschulsystem der DDR sehr verschult, selbst in den praxisbezogenen naturwissenschaftlichen Studiengängen. Dazu gehörte es auch, dass die in Seminargruppen organisierten Studenten fortlaufend Rechenschaft über ihr Studium und ihr politisches Verhalten ablegten. Was wann studiert wurde, war durch Anforderungs- und Prüfungskataloge genau festgelegt und verbindlich. Eine freie Auswahl von Seminaren oder Vorlesungen, Haupt- und Nebenfächern war nicht möglich.

Studieren mit Grundstipendium, Nebenjobs nicht erwünscht
Finanzspritzen anlog zum heutigen BAföG gab es auch in der DDR. Ab 1981 erhielten alle Studenten ein Grundstipendium in Höhe von 200 Mark (Zeitsoldaten: 350 Mark) und waren beitragsfrei krankenversichert. Ab dem 3. Semester konnten besonders vielversprechende Studenten zudem ein Leistungsstipendium erhalten. Außerdem profitierten die jungen Akademiker auch von Studentenrabatten auf Eintrittspreise und öffentliche Tarife.

Damit sich die Studenten ganz auf ihr Studium konzentrieren, waren Nebenjobs nur in Ausnahmefällen und mit ausdrücklicher Erlaubnis des Rektors möglich. Jobben konnte man daher idR nur bei den universitär organisierten „Studentensommern“ in der vorlesungsfreien Zeit. Jeder Student, der mehr als 50km vom Studienort entfernt wohnte, hatte zudem einen Anspruch auf einen Internatsplatz, so dass mehr als 2/3 der Studierenden in Wohnheimen untergebracht waren. Anders als heute erhielt man aber nur selten Einzelzimmer, die meisten Studenten lebten in 3-5 Bettzimmern.

Hochschullehre in der DDR
Noch kurz ein paar Worte zur Lehre. Generell ergaben sich in der DDR für heutige Verhältnisse ein wahrhaft traumhaftes Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studierenden, nämlich 1:22. Im Gegensatz zu heute erhielten die Dozenten zudem mehr Zeit für Forschungsarbeiten.

Bei der Anstellung waren linientreue Wissenschaftler privilegiert. In den meisten Disziplinen fehlte den DDR-Wissenschaftlern im Vergleich zu den westdeutschen Kollegen im Grunde genommen nur die Kenntnis der westlichen, insbesondere der englischsprachigen Literatur. Denn der Zugang zur westlichen Literatur wurde wie die Erlaubnis zu Reisen in diese Länder nur einem sehr exklusiven Kreis politisch zuverlässiger Wissenschaftler ermöglicht. Daraus ergibt sich auch, dass die Professoren auch kaum Möglichkeiten hatten, sich (außerhalb des Ostblocks) international mit Forschern auszutauschen.

Tipp: Du interessierst dich für Universitätsgeschichte? Dann schau mal in unser Magazin. Hier berichten wir u.a. auch über das Studium im Mittelalter bis hin zur Neuzeit.

Bildquelle: Vielen Dank an PJS für das Bild (© PJS/www.pixabay.de).
Bildquelle Statistik: Vielen Dank an Statista für die Grafik (© www.statista.com).[/i]

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Kommentare

Userbild von Britta2
19. Oktober 2017 · 07:28 Uhr
britta2
Vergessen - auch ich hatte damals problemlos in den Ferien gejobbt. Bis 3 Wochen durfte man ja. Heiß begehrt - die Jobs auf der Leipziger Messe. In nur einer Woche verdiente man 650 Mark, die Jungs kamen auf fast 800 Mark.
Userbild von Britta2
19. Oktober 2017 · 07:24 Uhr
britta2
@marsupilamipirat: Deine Sicht ist die des damaligen Jugendlichen. Ich habe nach dem Studium selbst als Lehrer gearbeitet und selbst erlebt, wie die Zuteilung von EOS-Plätzen bewilligt bzw aktiv verhindert wurde (vom Schulleiter persönlich inklusive Telefonaten mit Stasi-Personalamt) - ebenso die Studienplatzvergabe. Deine Mutter war entweder sehr beliebt bei diesen Entscheidungsträgern oder irgendjemand (Parteisekretär) hat Druck ausgeübt.
Sei froh, dass es geklappt hatte.
Stipendium damals? Stolze 113 DDR-Mark gab es (bzw wer als Mann zuvor Unteroffizier oder sonstiger Zeitsoldat war - bekam den doppelten Betrag).
Professorenkinder wurden bevorzugt, Kinder von Anwälten, Kinder von kirchelichen Würdenträgern. Weil der Staat schlichtweg Schiss hatte, dass sie in der Öffentlichkeit Schiebereien anprangern würden. Oder eben - man bewies deutlich Linientreue (und hatte Westgeld oder sonstige Kontakte).
Ich bin froh, dass meine Kinder halbwegs fair ihren Berufsweg gehen durften. Meine Tochter hätte in der DDR niemals Abi machen dürfen und wäre heute niemals Arzt. Auch wenn der Weg teuer erkauft ist - es ist überstanden. Damals unmöglich. Jungs hatten schwerpunktmäßig Offizier oder Lehrer zu werden, Mädchen Lehrer (gern genommen als Russisch- oder Stasilehrer, bei besseren Noten Mathe-Physik = Bedarfsermittlung!)
Userbild von marsupilamipirat
27. Dezember 2016 · 17:01 Uhr
marsupilamipirat
Irgendwas ist hier unrichtig. Ich selbst habe durch meine Mutter mir einen anderen Studienplatz besorgt, als ich ihn ursprünglich hatte. Das war augenscheinlich möglich, wenn auch nicht durch "klagen". Weder ich, noch meine Mutter waren in der SED oder einer Blockpartei. Ich war immer kritisch, und Kind von Akademikern, das stand auch in meinen Beurteilungen. Es wurde schon versucht, den Wünschen zu entsprechen. Ich habe mich auch für ein Studium beworben, für das es in der gesamten DDR pro Jahr nur ca. 20 Studienplätze gab und der Abi-Notendurchschnitt super sein musste. Da war die Konkurrenz halt sehr groß. Und es ging hauptsächlich um den Abi-Durchschnitt und Anzahl der Studienplätze ! Ich habe dann auch einer Klassenkameradin einen dieser begehrten Plätze "verschafft", die hatte gar kein so gutes Abi, war auch Akademikerkind und nicht parteinah. Aber es waren halt noch Plätze frei. Es wurde dann auch rein praktisch entschieden (der Studiengang war erst zu spät eingerichtet worden und es waren 8 Plätze zu vergeben).

Stipendium (Bafög) gab es seit Beginn der DDR, nicht rückzahlbar, sondern als Geschenk. Das erhielt jeder Student wesentlich einfacher als heute. Habe den Vergleich bei meiner Tochter. Ab 1981 gab es dann, heute würde man sagen "von den Eltern einkommensunabhängiges Stipendium für jedermann". Ich kam nicht in diesen Genuss, erhielt kein Stipendium, denn meine Eltern verdienten als Akademiker über der Einkommensgrenze, aber ich erhielt auch damals, Anfang der 70iger Jahre "Leistungsstipendium". Das war nicht vom Einkommen der Eltern abhängig.

In den Sommerferien habe ich immer gejobbt, ohne irgendeine "Erlaubnis" von irgendwem. Danach wurde nicht gefragt. Jedenfalls nicht an der Humboldt-Uni Berlin.

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